Fördermittel langfristig einplanen – EU-Förderperioden strategisch nutzen |
08.04.2026, 17:10 |
Es gibt eine gute Faustregel für alle Organisationen, die sich überwiegend mit Hilfe von Fördermitteln und Fundraising finanzieren: Wer langfristig überleben möchte, sollte sich niemals nur auf einen Förder- bzw. Fundraisingbereich oder sogar nur auf ein Förderprogramm verlassen. Darum ist z. B. Vorsicht geboten, wenn Sie sich klassisch betriebswirtschaftlich ausgebildete Unternehmensberater:innen ins Haus holen, weil u. a. Ihr Fördermittel- und Fundraisingumfeld gegenwärtig schwieriger geworden ist. Nicht selten geht die Beratung in die folgende Richtung: Fokussieren Sie sich auf die Bereiche, die Sie am besten können und nutzen Sie die Förderung, die die Arbeit in Ihrem Haupttätigkeitsfeld möglichst optimal unterstützt. Kurzfristig kann das sogar ganz gut funktionieren, aber mittel- und langfristig (wenn die Berater:innen schon lange weitergezogen sind) ist dieser Rat ein recht sicherer Weg in den Untergang. Der etwas schwierigere und aufwändigere Weg hilft dagegen, Durststrecken zu überstehen und Zeiten mit rückläufigen Einnahmen zu meistern. Für viele Organisationen gehört darum mittlerweile eine gut ausgestattete EU-Fördersäule zu einem ausgewogenen Finanzierungsmix dazu. Das aus gutem Grund. EU-Förderungen fließen seit Jahrzehnten verlässlicher als nationale Mittel und sie sind über mehrere Jahre hinweg einsetzbar. In nationalen Förderlandschaften sorgen vergleichsweise kurze Wahlzyklen und einjährige Haushaltsperioden für Unsicherheit: Ein Regierungswechsel kann selbst zugesagte Mittel ins Wanken bringen, und kurzfristig bewilligte Gelder müssen oft hastig noch vor Jahresende ausgegeben werden. Bei der EU ist das anders: Siebenjährige Haushaltsperioden geben deutlich mehr Planungssicherheit. Darum ist es sinnvoll, jetzt die richtigen Weichen für die kommenden EU-Förderperiode von 2028 bis 2034 zu stellen und gleichzeitig noch bis Ende des Jahres 2027 von den umfangreichen Mitteln, die Brüssel noch in der aktuellen Förderperioden zur Verfügung stellt, zu profitieren. Wir bei emcra haben vor ca. vier Wochen z. B. einen EU-Förderantrag eingereicht. Sollten wir eine Förderzusage bekommen, dann wird die Finanzierung für dieses Projekt zu 100 % aus dem EU-Förderbudget der laufenden EU-Finanzperiode bestritten, obwohl die dreijährige Projektlaufzeit mit einem geplanten Projektende im August 2029 weit in die neue Förderperiode hineinreicht (mehr dazu unten bei #emcra). Fazit: Wer langfristig neben nationaler Förderung auch auf EU-Mittel setzt, handelt nachhaltig und im Sinne der eigenen Organisation verantwortungsbewusst. An dieser Stelle haben wir bereits vor einigen Monaten über die Vorschläge der EU-Kommission für die Finanzperiode ab 2028 berichtet. Heute setzen wir unsere Fördertippserie zur kommenden EU-Förderperiode fort. EU-Einsteiger:innen finden hier eine erste Orientierung zu den drei zentralen EU-Fördermittelbereichen. Diese Basiskenntnisse zu den wichtigsten EU-Förderbereichen sind wichtig, um die bestehenden und zukünftigen Chancen, die Europa bietet, besser einordnen zu können. Unser Tipp: Bis zum geplanten Start der neuen EU-Förderperiode 2028 - 2034 vergehen noch etwa 21 Monate. Zeit genug, sich angemessen vorzubereiten und sich ein erstes Bild über die Chancen zu machen, die die EU Ihrer Organisation aktuell und in der Zukunft zu bieten hat.
Die Verhandlungen laufen … Die Vorbereitungen für die kommende EU‑Förderperiode laufen bereits seit 2023. Auf dieser Grundlage hat die EU‑Kommission im Sommer 2025 (siehe emcra Fördertipp vom 23. Juli 2025) ihre Vorschläge inkl. der möglichen Budgets für den Finanzrahmen 2028–2034 vorgelegt. Diese umfassen alle großen Förderbereiche – von den “Brüsseler Aktionsprogrammen” (z. B. Erasmus+, Horizon Europe etc.) über die regionale Entwicklung (z. B. ESF+) bis hin zur EU-Außenhilfe. In jedem Bereich werden diverse Gesetzesvorschläge bzw. -pakete separat verhandelt, wobei meist unterschiedliche Interessen der maßgeblichen Akteure (Mitgliedstaaten, EU-Kommission, Europäisches Parlament) in Einklang gebracht werden müssen. Der reguläre Abstimmungsprozess zwischen den Institutionen in Brüssel und den Regierungen der EU-Mitgliedstaaten wird stark beeinflusst von dem politischen und wirtschaftlichen Umfeld, in dem verhandelt wird. Vor sieben Jahren bei den Verhandlungen des aktuellen EU-Finanzrahmens war die EU-Welt geprägt von zwei Themen: Klima und Digitalisierung. Beides ist weiter relevant, aber die Themenkomplexe Sicherheit / Verteidigung und Wirtschaft / Wettbewerbsfähigkeit prägen den aktuellen Verhandlungsprozess sehr viel stärker als zuvor. Die unsichere Weltlage zwingt die EU, im Rahmen ihrer Möglichkeiten neue Prioritäten zu setzen.
Orban, Le Pen … Der Verhandlungsprozess wird u. a. davon beeinflusst, welche Regierungen in den EU-Mitgliedstaaten an die Macht kommen bzw. an der Macht bleiben. Zwei Wahltermine sind von besonderem Interesse: Erstens, die Wahl in Ungarn am kommenden Wochenende (12. April 2026), in der es darum geht, inwieweit die Regierung Orban auch in Zukunft die Möglichkeit hat, die EU-Verhandlungsprozesse u. a. mit ihrem Veto zu beeinflussen. Sollte Orban die Macht verlieren, dann könnte sich ein ”Verhandlungsfenster” öffnen, das bis zum zweiten Wahltermin, der Präsidentschaftswahl in Frankreich im Frühjahr 2027, reicht. Eine sichere Prognose zum Verhandlungsverlauf über das zukünftige EU-Budget ist nicht möglich. Wir stellen an dieser Stelle den “normalen” Verlauf einer möglichen alternativen Variante gegenüber, um zu zeigen, worauf sich EU-Fördermittelexpert:innen aktuell einstellen sollten. 1. “Normaler” Verlauf: Bei diesem Szenario kommt es i. d. R. erst sehr spät, voraussichtlich im Dezember 2027, zu einer finalen Einigung über die noch strittigen EU-Budgetfragen. Im Rahmen eines Sondergipfels der Regierungen der 27 Mitgliedstaaten werden dann letzte strittige Punkte sowie die Höhe des Gesamtbudgets für die Jahre 2028 bis 2034 final verhandelt, so dass möglichst alle Beteiligten mit positiven Nachrichten vor die Presse treten können. Zuvor wurden bereits die meisten Teilbereiche des EU-Budgets abschließend vereinbart, ca. 90 bis 95 % des neuen EU-Budgets stehen also bereits fest. Für die Staats- und Regierungschef:innen bleiben ein paar “dicke Brocken“ über. Dieses skizzierte “normale” Szenario ist so oder so ähnlich allen bisherigen EU-Förderperioden in diesem Jahrtausend (2007-2013, 2014-2020, 2021-2027) vorausgegangen. 2. “Fast forward”-Alternative: Sollte Orban in Ungarn die Macht abgeben müssen, dann wird eine beschleunigte Verhandlungslösung möglich. Damit könnte ein möglicher Einfluss von Frau Le Pen bzw. des Rassemblement National (RN), der in Frankreich ggf. Macron an der Spitze des Staates beerben wird, auf die EU-Budgetverhandlungen verhindert werden. Die EU könnte so in vergleichsweise ruhigerem finanziellen Fahrwasser in die neue EU-Förderperiode ab 2028 starten, ohne dass einer konservativ-national-populistischen neuen Regierung in Frankreich die Chance gegeben wird, den Verhandlungsprozesse im zweiten Halbjahr 2027 zu behindern. Das "fast-forward"-Szenario setzt jedoch großen politischen Willen und Kompromissbereitschaft bei allen Beteiligten voraus. Mehr als eine 50/50-Chance, dass diese Realität eintritt, ist unwahrscheinlich, zumal das Zeitfenster von maximal einem Jahr kurz für die komplexen Verhandlungsthemen ist. Gut zu wissen: Selbst wenn das aus Sicht vieler Beobachter:innen negativstes Szenario eintritt (Orban regiert weiter; Rassemblement National stellt den / die nächste Präsident:in und die Verhandlungen können nicht bis Dezember 2027 abgeschlossen werden) geht die EU-Förderwelt nicht unter. Die EU wird dann mit den Haushaltsobergrenzen des Jahres 2027 auch im Jahr 2028 weiterarbeiten. Insbesondere in den Förderbereichen “Brüsseler Aktionsprogramme" (CERV, Erasmus+, Horizon Europe etc.) und “EU-Außenhilfeinstrumente” kann auch bei diesen Rahmenbedingungen weiter gefördert werden. Die nationalen EU-Förderfonds (ESF+ etc.) benötigen i. d. R. sowieso etwas “Anlauf” zu Beginn einer neuen EU-Förderperiode, so dass es in 2028 nicht zu besonders spürbaren Komplikationen in der Förderpraxis kommen muss.
Streitpunkt “nationale Förderfonds” Den größten politischen Streit, der meist auch erst in letzter Minute von den Staats- und Regierungschef:innen aus dem Weg geräumt wird (siehe oben das “normale” Verhandlungsszenario), gibt es traditionell im Bereich der “nationalen Förderfonds”. Um die Verteilung dieser Mittel wird besonders hart gerungen. Diesmal beherrscht jedoch ein weiterer Aspekt die Diskussion. Die EU-Kommission hat in ihren Überlegungen zur Förderperiode 2028–2034 vorgeschlagen, dass sie die Zahl der kohäsionspolitischen Fonds und Programme drastisch verringern möchte. Das Ziel ist - aus Sicht der Kommission - ein deutlich einfacheres Fördermittel-System mit weniger administrativen Ebenen, weniger Überschneidungen und unkomplizierteren Berichtspflichten. Motto: Weniger Fonds – klarere Regeln – schnellere Umsetzung. Der Fokus liegt dabei nicht so sehr auf den Förderinhalten, für die aktuell z. B. der ESF+ oder der Kohäsionsfonds stehen, sondern vor allem auf der Verringerung der Anzahl der nationalen und regionalen Programme, die die Mitgliedstaaten aufsetzen. Heute gibt es EU‑weit für die 27 Mitgliedstaaten mehrere hundert Programme; die Kommission möchte diese Zahl massiv senken. Die Folge für die deutschen Bundesländer wäre, dass nicht jedes Bundesland weiterhin weitestgehend eigenständig mit Brüssel z. B. die Verwendung der “eigenen” ESF+ Mittel verhandeln könnte. Aus den föderal geprägten EU-Mitgliedstaaten kommt darum auch der größe Widerstand gegen den Vorschlag der EU-Kommission. Ein Kompromiss bzw. ein realistisches Ergebnis liegt in der Mitte. Also eine „abgeschwächte Version“ des Kommissionsvorschlags mit weniger Programmen, stärker gebündelten Themenbereichen, jedoch kein völliger Kahlschlag der bestehenden Programmstruktur. Es kann gut sein, dass wichtige Fonds unter einer gemeinsamen Überschrift weiter zusammengefasst werden und dabei trotzdem ein großer Teil der bestehenden Programmstruktur, wie wir sie bisher kennen, "überlebt".
Der richtige Fördermix für Ihre Organisation Noch einmal zum Ausgangspunkt dieses Fördertipps. Wir beobachten, dass die Organisationen, die langfristig überleben, sich i. d. R. auf unterschiedliche Förder- und Fundraisingbereiche konzentrieren. Mindestens zwei öffentliche Förderebenen sollten es sein (EU, Bund, Länder, Kommunen). Und auch im klassischen Fundraising sind differenzierte Geber:innenstrukturen nachhaltiger, also z. B. die Kombination aus Stiftungsprojekten und Großspender:innen-Fundraising. Wenn Ihre Organisation es schafft, parallel dazu einen stabilen wirtschaftlichen Geschäftsbereich aufzubauen, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Ihr Finanzierungsmix auch in Krisenzeiten robust genug ist. Wie kommt die EU hier ins Spiel? Für alle Organisationen, die sich aktuell zu stark auf nur eine oder zwei nationale Fördersäulen verlassen, bietet die EU eine sinnvolle Beimischung für den zukünftigen Fördermittelmix. Dabei können sie gerne “klein” anfangen. Beteiligen Sie sich z. B. zuerst einmal als Projektpartner an einem internationalen EU-Konsortium. Das Risiko und der Aufwand bei der Antragstellung sind vergleichsweise gering, der Nutzen kann dagegen beträchtlich sein. Wichtig: Warten Sie mit Ihrem EU-Engagement nicht bis zum Start der neuen Förderperiode. In diesem und im kommenden Jahr stehen noch beträchtliche EU-Mittel zur Verfügung (emcra hat auch gerade erst wieder einen Antrag als Leadpartner eingereicht). Hinzu kommen Restgelder, die es ggf. im Bereich ESF+ etc. geben könnte. Nicht selten werden in den letzten beiden Jahren einer auslaufenden Förderperiode neue Programminhalte, die für die Jahre 2028ff. vorgesehen sind, mit Hilfe von Pilot-Ausschreibungen getestet. Ihre Organisation könnte hier von Beginn an dabei sein.
Jetzt ist eine gute Zeit, um auf den EU-Fördermittelzug aufzuspringen.
#emcra_aktuelles_aus_unserer_EU-Antragsschmiede Wir haben uns mit einem spannenden europäischen Konsortium in der laufenden Förderperiode erneut um EU-Fördermittel beworben (hier findet Ihr einen Überblick unserer früheren und aktuellen internationalen und nationalen EU-Projekte). Unser Antrag wurde Anfang März eingereicht. Ihr dürft gerne die Daumen drücken :-). Inhaltlich möchten wir in diesem Projekt einen spezifischen Organisationsansatz tiefer erforschen, methodisch weiterentwickeln und praxistauglich so für kleine und mittlere Organisationen und Unternehmen aufbereiten, sodass Eure Organisationsentwicklung (OE) in der Zukunft einfacher und kostengünstiger wird. Alle Projektergebnisse werden wir Euch daher auch kostenfrei zur Verfügung stellen.
Haben Sie Interesse oder Fragen zu diesen Angeboten? Bitte kontaktieren Sie uns direkt (030/ 3180 1330) oder per E-Mail an info@emcra.eu. Wir informieren Sie auch gerne über die umfassenden Fördermöglichkeiten, um Ihre Teilnahme an unseren Weiterbildungen zu ermöglichen. Ihre Teilnahme kann bis zu 100 % gefördert werden. Die geförderte Teilnahme ist auch berufsbegleitend möglich, wobei der Arbeitgeber zusätzlich zur Weiterbildungsförderung einen Lohnkostenzuschuss erhalten kann.
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