Förderung, Fundraising, Organisationsentwicklung, Leadership, Management -
Drei Irrtümer über Förderlogiken – und warum sie unsere Erfolge begrenzen

Heute erhaltet ihr unseren 500sten emcra Fördertipp. Seit 2006 versenden wir diesen Newsletter alle 14 Tage. Wer erinnert sich noch daran? Das war das Jahr mit der Fußball-WM in Deutschland … Wenn ihr etwas mehr über ca. 20 Jahre emcra Fördertipp erfahren wollt, dann schaut mal unten unter #emcra vorbei. Es war auch für uns spannend zu sehen, was die Themen der ersten Fördertipps waren und worüber wir z. B. genau vor 10 Jahren berichtet haben.
Die runde Fördertipp-Zahl ist ein guter Anlass, einmal etwas grundsätzlicher auf unsere Förderwelt zu blicken. Wir kommen damit auch einem Wunsch nach, der nach dem Symposium der EU-Fundraising Association am 6. Mai 2026 in Köln an uns herangetragen wurde. Dort hat unsere Geschäftsführerin Heike Kraack-Tichy einen Impulsvortrag gehalten. Viele Teilnehmende vor Ort haben sich gewünscht, dass Heike die Kernaussagen ihres Vortrags “Drei Irrtümer über Förderlogiken – und warum sie unsere Erfolge begrenzen” noch einmal zum Nachlesen zusammenfasst. Diesem Wunsch kommen wir heute gerne nach.
In diesem emcra-Fördertipp-Special nehmen wir weit verbreitete Irrtümer unter die Lupe, die auf den ersten Blick plausibel klingen – in der Praxis aber Wirkung begrenzen, Kooperation erschweren und Organisationen verwundbarer machen, als es nötig wäre. Es geht um die Fragen: Was wird tatsächlich gefördert? Wie sinnvoll ist der Ruf nach „mehr Fördermittel-Wettbewerb“ wirklich? Und wie stabil ist Förderung, wenn wir für unsere Organisationen langfristig planen wollen?
Irrtum Nr. 1: Wir fördern Wirkung …

Wirkung fördern - das ist der Anspruch unserer Förderer. Völlig nachvollziehbar und zugleich nur begrenzt zutreffend. Schauen wir genauer hin, dann zeigt sich ein konsistentes Muster: Gefördert wird nicht primär Wirkung, sondern plausibilisierte Wirkungserwartung. Das ist ein Unterschied. Warum? Weil Wirkung in der Zukunft liegt, aber heute bereits auf der Basis von Narrativen über diese Zukunft über die Vergabe von Fördermitteln entschieden wird.
Das führt zu einem systematischen Bias: Organisationen werden gut darin, Wirkung glaubwürdig zu versprechen – nicht zwingend darin, sie zu erzeugen. Oder zugespitzt: Wir alle optimieren auf Förderfähigkeit, nicht auf Wirkung. Was folgt daraus? Die beste Wirkungsillusion gewinnt den Wettbewerb um die Fördermittel.
Wir bei emcra bilden seit über 20 Jahren Menschen aus, die erfolgreich Förderprojekte entwickeln, Anträge schreiben und gute Projekte umsetzen. Und wir selbst schreiben seit fast ebenso langer Zeit Förderanträge für emcra, um uns als Organisation weiterzuentwickeln.
In keinem Bereich tun sich unsere Weiterbildungsteilnehmenden so schwer, ihre Anträge zu optimieren, wie im Bereich der Wirkung. Wir wissen, dass unsere Teilnehmenden intelligent sind, und dass sie ihre praktische Lebens- und Projektrealität sehr gut kennen. Und auch sie erachten das Thema Wirkung als sehr relevant.
Aber weil sie intelligent sind, möchten sie der Welt um sich herum und auch sich selbst keine Märchen erzählen. Antragsschreibende erkennen instinktiv, dass sie nicht selten gezwungen sind, eine Wirkungsgeschichte zu „erfinden“ und zu „verkaufen“, an die sie selbst gar nicht immer zu 100 % glauben.
Denn was wir aus Erfahrung wissen ist, dass es in unserer Projektzukunft immer anders kommt, als wir es planen oder es uns wünschen. Die einfache Wahrheit ist: Wir können bei der Antragstellung nicht wissen, was in unseren Projekten tatsächlich die größte Wirkung haben wird. Dass wir so tun müssen als ob, beruhigt die Nerven aller Fördernden – egal ob öffentlich oder privat.
Es ändert jedoch nichts daran, dass wir damit einem Irrtum Vorschub leisten. Wir geben allen, die es brauchen, mit immer mehr Zahlen, Messungen und Indikatoren eine scheinwissenschaftliche Legitimation. Tatsächlich passiert folgendes: Gefördert wird Wirkungsillusion. Wirklich bahnbrechende Wirkung entsteht aber nicht selten dort, wo wir sie am wenigsten erwarten bzw. wo wir jenseits von KPIs und Indikatoren arbeiten können.
Was könnte getan werden? Förderprogramme könnten zumindest teilweise Bereichen mehr Gewicht zukommen lassen, deren Ergebnisse sich schwerer messen lassen. Gerade hier ist die Wirkung nicht selten besonders wertvoll und auch gesellschaftlich relevant: z. B. bei Beziehungsarbeit, mit Vertrauensvorschüssen, Unterstützung herausfordernder Kooperationen, dem Ausprobieren von neuen Strukturen und Prozessen.
Damit könnten wir den Fokus von uns Antragsschreibenden sinnvoll verschieben:
- von Sicherheitsdenken zu wirklichem Lernen: Wie wäre es, wenn wir statt Berichte, die niemand lesen will, Berichte schreiben könnten, in denen wir unsere Learnings und unsere Fehlschläge ohne Risiko aufschreiben könnten.
- von scheinbarer Planbarkeit zu ehrlicher Unsicherheit: Wir müssten dann nicht mehr so tun, als ob schon bei der Antragstellung völlig sicher ist, dass unser Projekt ein voller Erfolg wird.
- von Risikoaversion zu Experimentierfreude: Wir könnten dann den Fokus mehr darauflegen, etwas Neues auszuprobieren, anstatt stets auf Nummer sicher zu gehen oder alten Wein in neue Schläuche zu gießen - wohl wissend, dass wir damit nicht die Wirkung erzielen, die wir uns selbst wünschen.
Irrtum Nr. 2: Mehr Wettbewerb erhöht die Qualität der Förderung

Auch das klingt zunächst plausibel. Und in bestimmten Bereichen stimmt es auch. Aber im Kontext der Förderung von (gesellschaftlicher) Innovation ergibt sich ein differenzierteres Bild.
Studien aus der Nonprofit-Forschung und dem Public Management zeigen: Hoher Wettbewerbsdruck bei der Fördermittelvergabe führt auf der Seite der geförderten Organisationen häufig zu:
- Fragmentierung statt Kooperation,
- kurzfristiger Projektoptimierung statt langfristiger Strukturarbeit und
- strategischer Anpassung an Förderlogiken statt einer inhaltlichen Entscheidung dafür, „das Richtige“ zu tun.
Besonders relevant ist: Wettbewerb selektiert nicht nur nach Qualität. Es gewinnen nicht automatisch die Besten. Förderwettbewerbe selektieren überwiegend nach Kompatibilität mit den bestehenden Förderlogiken. Das bedeutet: Nicht die beste Idee gewinnt, sondern die, die am besten in das bestehende Raster passt.
Wir sollten uns - v. a . als Förderer - fragen: Wann ist Wettbewerb gut und wann brauchen wir andere, mutigere Förderlogiken? Wettbewerb ist immer dann sinnvoll, wenn es um bekannte Aufgaben geht. Wenn wir es mit einem weitestgehend bekannten Setting zu tun haben, das sich nicht verändert, und wir nach den besten Lösungen suchen.
Wettbewerb bringt dagegen weniger, wenn wir ganz neue Lösungen entwickeln müssen oder unsere Rahmenbedingungen sich laufend verändern. Das gilt zum Beispiel für den gesamten Bereich der KI in unserer Arbeitswelt. Hier brauchen wir nicht mehr Wettbewerb, sondern mehr Kooperation. Insbesondere auch Kooperationen von Akteuren, die auf den ersten Blick gar nicht so gut zusammenpassen.
Warum? Weil eingespielte Strukturen nur selten gut darin sind, anders zu denken und zu handeln. Klassische Kooperationsstrukturen tendieren dazu, neuen Herausforderungen mit bekannten Ansätzen zu begegnen. Diese Ansätze haben jedoch nicht selten erst dazu geführt, dass wir jetzt vor den aktuellen Herausforderungen stehen, die wir lösen müssen. Denn was damals, als es eingeführt wurde, wahrscheinlich genau das Richtige war, ist nicht selten in der Gegenwart zu einem Teil des Problems geworden.
Es gilt: Wir können das Neue nicht in vorab formulierten Arbeitspaketen oder Meilensteinen planen – wir können es nur entdecken! Die Logik von Förderwettbewerben ist dafür nicht geeignet. Dazu brauchen wir: Umwege – Ausprobieren – viele Fehlschläge – Mut zum dosierten Risiko – und unterschiedliche Sichtweisen …
Es gilt die alte Weisheit, die insbesondere mit Wittgenstein verbunden wird: “In der Philosophie gewinnt, wer als letztes ins Ziel kommt”. Übersetzt für unseren Fördersektor bedeutet das: Die besten Projektergebnisse erzielen diejenigen, die sich wirklich intensiv und länger mit einer Thematik beschäftigen, dabei absichtlich Umwege gehen, Fehler als Lernschritte und nicht als Fehltritte betrachten und zusammen mit anderen ganz neue Wege gehen.
Mit einem Arbeitsprogramm im Förderprojekt, das nur abgearbeitet wird, werden wir das Rad wahrscheinlich nicht neu erfinden. Wahrscheinlicher ist, dass uns in solchen Projekten gar nicht auffällt, dass wir mit neuen Ideen oder überraschenden Ergebnissen auf “Gold” gestoßen sind. Es ist eher wahrscheinlich, dass dieses “Gold” als “Fehler” bewertet wird, weil es nicht in das vorab definierte Qualitäts- bzw. Wirkungsgraster passt (siehe oben Irrtum 1).
Wir müssen uns fragen: Was könnte sinnvoll sein, wenn wir qualitativ hochwertige Förderprojekte mit spannenden, neuen und innovativen Ergebnissen erreichen möchten? Dazu zwei Anregungen: Zum einen könnten wir zumindest bei 20 Prozent der Förderausschreibungen mehr auf den Zufall setzen. Wir orientieren uns da an Pareto und der Erkenntnis, dass 20 % der Arbeit nicht selten 80 % der relevanten Ergebnisse produzieren. Zum anderen sollten wir das böse Wort der “Gieskannenförderung” ganz bewusst anders framen. Wir könnten in herausfordernden Kontexten beispielsweise 10 wild zusammengestellte Projektteams aus Praktiker:innen ohne ausgefeilten Plan mind. drei Jahre Zeit geben, um etwas praxistaugliches zu entwickeln. Hier ist die Praxis wichtig, nicht die Forschung. Wahrscheinlich hätten wir dann schon nach einem Jahr erste interessante Erkenntnisse – gerade weil wir keinen Zeitdruck ausüben und praktische Ergebnisse vorantreiben und nicht die Publikationslisten der Wissenschaft.
Dafür müssten wir akzeptieren, dass vielleicht bei 8 oder 9 Projekten brauchbare, aber keine großartigen Ergebnisse herauskommen. Aber wenn nur in einem Projekt etwas Besonderes entwickelt wird, dann kann das sehr viel wertvoller sein, als alle 10 Projektbudgets zusammen.
Was bedeutet das für die Förderwelt: Um wirklich mehr Qualität und Innovation zu erreichen, brauchen wir Mut bei den Fördernden und nicht noch mehr Wettbewerb auf der Seite der Antragstellenden.
Irrtum Nr. 3: Förderung ist stabil genug, um damit planen zu können.

Auch das klingt zunächst plausibel. Und es ist wahrscheinlich der subtilste Irrtum der drei. Weil er zugleich richtig und falsch ist. Richtig ist: Es gibt Förderprogramme und Richtlinien, die über viele Jahre bestehen. Erasmus+ auf EU-Ebene zum Beispiel existiert seit 1987 – teilweise unter anderem Namen. Oder auch Bundesprogramme wie „Demokratie leben!“ (seit 2015). Das wirkt solide. Es vermittelt das Gefühl: Darauf können wir doch strategisch aufbauen. Aber wenn wir genauer hinschauen, zeigt sich ein anderes Bild: Die Förderlandschaft als Ganzes ist relativ stabil – aber einzelne Programme und Bedingungen können hochgradig volatil sein.
Einzelne Programme reagieren auf:
- politische Akzentverschiebungen – also z. B. eine neue Regierungskoalition;
- gesellschaftliche Debatten – das Migrationsthema rückt nach oben auf der politischen Agenda;
- haushaltspolitische Spielräume – „Schuldenbremse „Ja“ oder „Nein“;
- unerwartete Krisensituationen - Corona oder Russlands Überfall auf die Ukraine.
Das geschieht nicht selten schneller, als Organisationen ihre Strategien anpassen können. Vor allem dann, wenn sie stark von einem oder wenigen Programmen abhängig sind. Wer die Entwicklungen und Diskussionen rund um das Programm „Demokratie leben!“ in den letzten Monaten verfolgt hat, weiß, was ich meine:
- Strukturen wurden über Jahre aufgebaut,
- Personal wurde qualifiziert,
- lokale Netzwerke haben sich etabliert.
Und dann:
- Unsicherheiten durch Haushaltsverhandlungen,
- Verzögerungen von Entscheidungen,
- veränderte Rahmenbedingungen und Anforderungen von heute auf morgen.
Das Entscheidende daran ist: Nicht das Förderprogramm bricht einfach weg, sondern die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird, verschieben sich. Für die geförderten Organisationen heißt das: Planungsannahmen, die noch vor wenigen Monaten stabil wirkten, werden über Nacht unsicher. Das ist kein Ausnahmephänomen, sondern Ausdruck einer strukturellen Realität, mit der wir leben müssen.
Unsere permanente Herausforderung ist: Förderlogiken können sich politisch kurzfristig verändern. Aber unsere Organisationen brauchen mittel- bis langfristig belastbare Planungshorizonte. Die unbequeme Konsequenz ist: Wer seine Organisation auf die vermeintliche Stabilität einzelner Programme oder Förderer ausrichtet, baut auf unsicherem Grund.
Aus unserer Erfahrung ergibt sich eine einfache, aber gleichzeitig anspruchsvolle Empfehlung: Wir müssen mit unseren Organisationen möglichst mit dem gesamten Fördersystem arbeiten, nicht nur mit einzelnen Programmen. Denn das gesamte Fördersystem – also EU, Bund, Länder und Kommunen – bietet in der Regel die Stabilität, die wir brauchen.
Das heißt konkret:
- keine einseitige Abhängigkeit von einem Förderprogramm oder einem Förderer. Immer mehrere Förderebenen nutzen: EU, Bund, Land, Kommune. Unsere emcra-Faustregel lautet: mindestens zwei.
- wenn möglich auch parallel privates Fundraising aufbauen: Spenden, Stiftungen, Unternehmenskooperationen etc.
- als Sahnehäubchen obendrauf: Einen wirtschaftlichen Geschäftsbereich aufbauen, wenn das möglich ist (Spoiler für alle, die jetzt sofort denken: Das geht bei uns nicht. Es geht sehr viel häufiger, als ihr denkt.). Eine der besten Lebensversicherungen für unsere Organisationen ist es, selbst Geld zu verdienen.
Den dritten Irrtum möchten wir noch etwas weiter zuspitzen: Wer sich in politisch volatilen Kontexten ausschließlich auf Landesförderung oder Einzelprogramme verlässt, sollte sich nicht wundern, wenn „plötzlich“ nichts mehr so ist wie zuvor. Der Irrtum ist, dass einzelne Förderprogramme stabil sind und es bleiben müssen. Das wird es niemals geben.
Mehr Stabilität bieten z. B. die übergeordneten politischen Ziele und gesellschaftlichen Herausforderungen. Klassische Förderthemen wie Arbeit und Beschäftigung, Demokratie, soziale Teilhabe, Sicherheit, Umwelt sind die Grundpfeiler der gesamten Förderlandschaft. Dementsprechend gibt es in diesen Bereichen Förderchancen auf allen politischen Förderebenen.
Das bedeutet zum Beispiel: Akteure in Mecklenburg-Vorpommern oder in Sachsen-Anhalt sollten sich schnell nach alternativen Förderoptionen umsehen, wenn sie bisher v. a. von Landesförderung profitiert haben. Es ist ja nicht auszuschließen, dass sich die regionalen Förderprioritäten in beiden Bundesländern im Zuge der anstehenden Landtagswahlen grundlegend ändern.
Die gute Nachricht ist: Es gibt wahrscheinlich mehr Alternativen, als die meisten denken. Wichtig ist aber, diese Chancen überhaupt wahrzunehmen. Und zu „Demokratie Leben“: Es war schon länger klar, dass „Demokratie Leben“ nicht so bleibt wie es war. Auch wenn es absolut ärgerlich und inakzeptabel ist, wie mit geförderten Organisationen umgegangen wird, konnten alle wissen, dass sie sich auf neue Rahmenbedingungen einstellen müssen.
Hier sind wir bei den Menschen, die in unseren Organisationen Verantwortung tragen. Fördermittelstrategien sind insbesondere auch Führungsentscheidungen. Wir müssen entscheidungsfreudig und umtriebig sein. Keine Entscheidung zu treffen oder die notwendigen Anpassungen zwar zu erkennen, aber das Handeln erst einmal auf Morgen zu verschieben, ist keine Option und wirft uns zurück. Diese Wahrheit mag unbequem sein, aber leider beobachten wir dieses abwartende Verhalten schon mindestens so lange, wie wir unsere Fördertipps versenden. Die Krisen ändern sich, das Verhalten der Verantwortlichen nicht.
Drei Irrtümer bzw. Denkfehler …

Betrachten wir diese drei Irrtümer oder vielleicht auch Denkfehler gemeinsam, dann kommen wir zu folgendem Ergebnis: Wir arbeiten in einem System, das
- Wirkung verspricht und Steuerbarkeit über Kennzahlen suggeriert,
- Qualität und Innovation durch Wettbewerb erreichen will und
- stabile Förderprogramme braucht und bevorzugt.
Aber tatsächlich wird:
- nicht selten nur eine Illusion von Wirkung erzeugt,
- wirkliche Kooperation und das Entdecken von Neuem erschwert und
- nutzen unsere Organisationen nicht das gesamte Fördersystem und sichern so nachhaltig ihre Existenz.
Was bedeutet das für Antragsteller:innen? Wir sind gezwungen, unsere Organisationen permanent zwischen notwendiger Anpassung an die Rahmenbedingungen des Fördersystems und unserer eigenen Integrität zu manövrieren. Darin liegt auch eine unserer Stärken.
Wir möchten euch drei Ideen mit auf den Weg geben. Aufbauend auf den drei Irrtümern, die wir diskutiert haben, ergeben sich mind. drei Stellschrauben, an denen wir gemeinsam drehen können:
- Ein ehrlicherer Wirkungsbegriff, der mehr Platz lässt für positive Überraschungen und Entdeckungen. Also weniger Abarbeiten von Arbeitspaketen und das Bedienen von Kennzahlen. Stattdessen mehr bewusstes Risiko eingehen, damit Wirkung auch dort entdeckt wird, wo wir sie bei der Projektentwicklung noch gar nicht vermuten konnten.
- Ein Qualitätsansatz, der Wettbewerb und Kooperation als zwei Seiten einer Medaille begreift. Und der Kooperation und praktisches Ausprobieren in den Bereichen mehr Gewicht verschafft, in denen diese Seite der Medaille die besseren Ergebnisse verspricht.
- Mehr Fokus auf das Fördersystem als Ganzes, anstatt auf instabile einzelne Förderprogramme oder nur einen Hauptförderer.
Für die Stellschrauben 1 (Wirkung) und 2 (Qualität durch Wettbewerb) brauchen wir die Förderer. Aber auch, wenn diese Stellen nicht mitspielen und alles so bleibt wie es ist, können wir in jedem Projekt ein wenig mehr „subversive“ Wirkungsoptimierung und praktisches Ausprobieren einbauen. Wir müssen uns nur dazu entscheiden und uns trauen, die dabei entdeckten Erkenntnisse in unseren Berichten zu kommunizieren.
Stellschraube 3 liegt dagegen ganz in unserer Verantwortung als geförderte Organisationen. Wenn jede Organisation das gesamte Fördersystem zumindest einmal im Jahr analysiert und sich ggf. breiter aufstellt, dann tun wir viel für die langfristige Überlebensfähigkeit unserer Organisationen. Und wir bleiben, wenn wir in der Lage sind, akzeptable Kompromisse einzugehen, langfristig relevant und können unseren unverzichtbaren Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland und Europa auch dann leisten, wenn wir mehr Gegenwind bekommen. Also genau jetzt!
Uns ist folgendes wichtig: Zivilgesellschaft und soziale Wirtschaft sind nicht das, was übrig bleibt, wenn Staat und Markt fertig sind. Zivilgesellschaft und soziale Unternehmungen sind das, was trägt, wenn staatliche Planung oder rein marktwirtschaftlicher Wettbewerb an ihre Grenzen stoßen. Und genau deshalb ist unsere Arbeit so entscheidend. Jeder Antrag, den wir schreiben, jedes Projekt, das wir umsetzen, jede Kooperation, die wir neu eingehen … das sind alles Beiträge dazu, wie unsere Gesellschaft morgen aussieht.
Es wäre schön, wenn diese Impulse für Eure Arbeit nützlich sind. Wir werden auch in den nächsten 500 Fördertipps weiter versuchen, Euch zu unterstützen.
#emcra_Fördertipp_Nr._500
Damals in 2006 als der emcra Fördertipp Nr. 1 an den Start ging, wurden tatsächlich noch E-Mails versendet. Mika hat jeweils 200 Empfänger:innen auf einmal angeschrieben (Bcc) und nach ca. einer halben Stunde war es geschafft. Später hat es noch etwas länger gedauert, weil der Verteiler größer wurde. Heute macht das alles ein Newsletter-Programm - zum Glück.
Trotzdem macht unser Newsletter heute weit mehr Arbeit als damals. Wir haben die Inhalte und den Umfang stark erweitert und auch der Rechercheaufwand ist deutlich gestiegen. Das gilt auch in Zeiten von KI. Heike Impulsvortrag beim Symposium der EU-Fundraising Association war z. B. die Grundlage dieses Special-Fördertipps. Wir haben unsere emcra-KI darauf angesetzt, einen schönen, gut lesbaren Text im emcra-Style zu verfassen. Das Ergebnis war gut lesbar und verständlich, aber leider auch so glatt und leblos, wie es nur KI hinbekommt. Darum haben wir uns entschieden, euch einen längeren Fördertipp-Text als üblich “zuzumuten” und Heikes Argumente so zu belassen, wie sie sie in Köln vorgetragen hat.
Bei einem “normalen” emcra Fördertipp schreibt übrigens ein Mitglied unseres Teams den gesamten Text. Danach geht der Entwurf in einer inhaltlichen Qualitätsschleife zu einem weiteren Teammitglied. Der Text darf umgeschrieben und verändert werden. Wo es Fragen und Unklarheiten gibt, klären die Beteiligten das untereinander. Nach der Programmierung auf unserer Webseite und in unserem Newsletter-Tool erfolgt ein letzter 4-Augen-Check, damit Ihr nicht über allzu viele Fehler stolpern müsst. Danach geht das Ergebnis raus. Unsere Öffnungsraten und Zugriffe auf unserer Webseite zeigen, dass sich der Aufwand lohnt und die Texte tatsächlich gelesen werden.
Zum Abschluss dieses Einblicks in ca. 20 Jahre emcra Fördertipp hier ein paar alte Themen. Wir beginnen mit den ersten drei Fördertipps und schauen auch mal, was vor 10 und 5 Jahren Thema war.
In Fördertipp Nr. 1 lautete das die Überschrift “Aktuelle Ausschreibung im EU-Programm INTI (Integration von Drittstaatenangehörigen)”. 20 Jahre später ist dieses Thema noch immer auf der Agenda.
Der zweite Fördertipp hatte den Titel “Gut vorbereitet starten – die neue EU-Strukturpolitik wirft Ihren Schatten voraus”. Es ging damals um den Übergang von der EU-Förderperiode 2000-2006 zur Förderperiode 2007-2013. Ein kommender Fördertipp im weiteren Verlauf dieses Jahres wird voraussichtlich fast die gleiche Überschrift haben. Über die nächste EU-Förderperiode von 2028-2034 haben wir übrigens bereits hier und hier berichtet.
Nr. 3 aus dem September 2006 hatte die Kulturförderung im Fokus. Im Betreff des Newsletters stand: “Kulturschaffende aufgepasst: „Kultur 2007“ heißt das neue EU-Kulturprogramm in der nächsten Förderperiode von 2007-2013. Es löst das Vorläuferprogramm KULTUR 2000 ab.” Kultur 2007 heißt das Programm schon lange nicht mehr, aber der Förderbereich existiert bei der EU immer noch. Ab 2028 wahrscheinlich als Unterprogramm im neuen Programm AgoraEU, das wir sicher in einem der zukünftigen Fördertipps ausführlich vorstellen werden.
Ihr merkt, zu Beginn lag unser Fokus sehr stark auf der EU-Förderung. Das haben wir dann Schritt für Schritt erweitert:
Vor zehn Jahren am 4. Mai 2016 haben wir über „Horizont 2020“ berichtet und insbesondere darauf hingewiesen, wie potenzielle Antragsteller zusätzlich nationale Förderung für die Erstellung ihres Horizont-Antrages erhalten können. Vor fünf Jahren war das Thema “Kommunikation 2.0: Digital Fundraising!” - klassisches Fundraising also. Mittlerweile deckt der emcra Fördertipp das gesamte Spektrum aus öffentlicher Förderung und privatem Fundraising ab (wie auch unsere zertifizierten Weiterbildungsangebote in der emcra School). Zudem streuen wir immer wieder relevante Seitenblicke mit Fokus auf Themen wie Organisationsentwicklung, Leadership und Management ein.
Im nächsten Fördertipp in 14 Tagen berichten wir übrigens fast tagesaktuell vom Deutschen Fundraising Kongress in Berlin (1. bis 3. Juni 2026), bei dem wir an allen drei Tagen u. a. mit verschiedenen inhaltlichen Formaten aus den Bereichen Fördermittel, Fundraising, Organisationsentwicklung und Leadership dabei sind. Ihr findet uns zudem in der Fördermittel- und in der Leadership Lounge. Vielleicht habt Ihr ja eine Idee für ein kommendes Fördertipp-Thema.